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Gehen oder bleiben?

Von der Suche nach einer neuen Heimat

Ein verschneiter Wintertag im Januar 2005: In der Wohnung einer mitteldeutschen Studentenstadt brach die helle Panik aus. Ich, mit dem frisch erworbenen Uni-Abschluss in der Tasche und zwangsweise im Bewerbungsfieber, hielt einen noch verschlossenen Brief eines renommierten Münchner Unternehmens in der Hand. Der Umschlag war im DIN-A6-Format, das heißt für erfahrene Bewerber: keine Absage. Nach Vollzug eines Vorstellungsgesprächs bedeutet das: eine Zusage. In diesem Fall für eine Stelle in München.

In München? Schon beim Gedanken an das Leben in der Bayern-Metropole fühlte ich meine Vorurteile wachsen. Dort wohnen doch nur Spießer, Schickimickis und Bussi-Bussis. Ich hingegen: unkonventionell, weltoffen, auf der Suche nach Abenteuer, die man vielleicht in der Bronx, in Soho oder Kreuzberg erleben kann. Aber doch nicht in München.

In der Stadt, in der jedes noch so schöne Graffito nach spätestens zwei Tagen ordentlich übermalt wird und auf deren eleganten Einkaufsmeilen meine Freunde sich lieber mit Schmutz beschmiert hätten, als mit den gängigen City-Schönheiten konform zu flanieren. Und diese Stadt sollte ich - weit ab von meinen München-feindlichen Freunden und Kommilitonen - künftig meine Heimat nennen? Ja, ich sollte. Ich musste sogar: Denn der Job ging in Ordnung und ein adäquater Berufseinstieg - diesbezüglich wohl sogar die einzige Chance, denn nach unzähligen Absagen war mein Bewerbungsenthusiasmus gelinde gesagt im Keller. Alle verfügbaren Stellen im stylishen Berlin (London und New York hatte ich aus Vernunftgründen von der Liste gestrichen) waren offenbar schon vergeben.

Ich tat es also: Ich zog um. Nach München. Genauer gesagt: ins altehrwürdige Schwabing - um wenigstens alle Klischees des Münchner Chichi zu bedienen. Die Wohnung war toll, der Job okay, die Kollegen nett. Ich jedoch litt, fühlte mich einsam. Und abendliches Ausgehen kam sowieso nur unter Protest infrage: schon aus Prinzip - und weil ich meine Wochenenden lieber bei Freunden in anderen Städten verbrachte. Schließlich hatte ich eigentlich nie nach München gehen wollen - sondern viel lieber nach Berlin. In die Stadt der Freiheit, des Unkonventionellen, der kunstvollen Häusermalereien und des intellektuellen Laisser-faire. "Ich kann jederzeit gehen", beruhigte ich mich, "sobald ich nur einen Job vor Ort gefunden habe".

Um den ich mich allerdings nicht gerade bemühte - zum einen, weil es mir widerstrebte, meinen Job "unvollendet" zu verlassen (und damit "aufzugeben"), zum anderen, weil der Arbeitsmarkt tatsächlich keine adäquaten Alternativen herzugeben schien. Ich arrangierte mich schweren Herzens und nicht ohne wehmütige Gedanken - an meine Freunde, an mein mögliches "anderes" Leben in einer anderen Stadt. Mit der Zeit schien es zu funktionieren, das Arrangement, das ich mit der Stadt getroffen hatte: Ich lasse dich in Ruhe - wenn du mich in Ruhe lässt. Erst nach Monaten ließ ich mich - um nicht vollkommen zu vereinsamen - darauf ein, mit Kollegen das eine oder andere Café in der City zu besuchen, den Englischen Garten und ein paar Clubs am Abend. Das machte mit der Zeit sogar Spaß, doch die Stimme im Kopf blieb, die sagte: "Das kann doch nicht alles sein, ich wollte doch nie hierher, ich gehöre hier nicht hin." Das große "Aber" also blieb - und das ganze zwei Jahre lang.

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